Oskar Jenisy
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 Engelszungen  -  Dimitre Dinev

Bulgarische Engelszungen

  Dimitré Dinev Aufstieg vom Flüchtling zum gefeierten Literaten
 
  Dimitré Dinev entwirft in "Engelszungen" ein lebenssattes Panorama bulgarischen Lebens zwischen den 40er Jahren und jetzt. In seiner humorvollen Familiensaga erzählt er von Hirten und Partisanen, von verführerischen Sofioterinnen und skrupellosen KP-Apparatschiks, von prügelnden Geheimpolizisten und sturschädeligen Popen, von Pubertätsnöten und Liebeshändeln im Reiche Todor Schiffkoffs.
 
Es sind menschliche, allzumenschliche Themen, die Dimitré Dinev in seinem Roman mit viel Witz und subtilem Humor abhandelt. Bei der Lektüre des Romans denkt man mitunter an die Filme Emir Kusturicas oder an die poetischen Weltverzauberungsetüden eines Isaac B. Singer oder Bohumil Hrabal. "Witz und Humor spielen eine wichtige Rolle in meinem Schreiben, weil ich glaube", so Dinev, "dass die schlimmsten und schrecklichsten Geschichten nur so vermittelbar sind."

Abenteuerliche Lebensgeschichte



Dimitré Dinev hat eine abenteuerliche Geschichte hinter sich: Vor 13 Jahren floh der Absolvent eines deutschsprachigen Gymnasiums in Bulgarien über die "grüne Grenze" nach Österreich. Eine der ersten Stationen war das Flüchtlingslager Traiskirchen. Es
folgten harte, me
Fotohr als harte Jahre in Wien. "Ich habe auf Baustellen gearbeitet, ich war Gärtner, ich war Kellner, ich habe in Casinos gearbeitet, Würstel verkauft, hin und wieder habe ich auch Übersetzungen gemacht, dann war ich Restaurator und Vergolder", listet Dinev auf. "Ich habe 'gehackelt', wie man in Österreich sagt, acht bis zehn Stunden pro Tag. Danach bin ich nach Hause gekommen und habe mich Schlafen gelegt. In der Nacht bin ich aufgestanden und habe geschrieben." Die Anstrengung hat sich gelohnt. Für seinen meisterhaften Romanerstling hat Dimitré Dinev hervorragende Kritiken geerntet.

Nikolai Gogol und Lew Tolstoi nennt Dinev als große Vorbilder. Was den Umfang seines Roman-Erstlings betrifft - 600 Seiten - kommt der junge Bulgare seinen Idolen schon recht nahe. Dass er auf deutsch schreiben möchte, war für Dinev seit vielen Jahren klar: "Ich habe entschieden, deutsch zu schreiben, weil das die Sprache ist, mit der ich beschimpft und geliebt werde, die Sprache, mit der ich mein Brot kaufe und meine Arbeit gesucht habe - und vor allem die Sprache, die ich jeden Tag auf der Straße höre."
 
Von ganz unten weit nach oben

Foto Dimitré Dinev hat seine bulgarischen Wurzeln nicht vergessen. Bei der Präsentation seiner Erstlingsromans in einer Wiener Buchhandlung hieß es für den Autor "Back to the roots". Dinev fühlt sich in Wien längst heimisch. Im Sommer 2003 hat der Schriftsteller die österreichische Staatsbürgerschaft verliehen bekommen. Trotzdem: Die vielbesungene Wienerstadt, die Heimstätte des Linkswalzers und der Heurigenseligkeit, hat Dinev von einer weniger charmanten Seite kennen gelernt: "Wien kann auch eine sehr harte Stadt sein, eine Stadt, wo man solche existenziellen Erfahrungen macht wie einer, der nach Indien geht, um sie dort zu suchen."

Dimitré Dinev hat Wien von unten kennen gelernt. Jetzt hat er es weit nach oben geschafft: Das Gedränge bei der Präsentation seines ersten Romans ist beachtlich. Hätte sich Dinev das vor 20 Jahren träumen lassen, als antikommunistischer Gymnastiast in Plovdiv, dass er einmal in Zusammenarbeit mit der bulgarischen Botschaft einen Roman in Wien präsentieren würde? "Das hätte ich nicht gedacht, besonders als ich im Lager Traiskirchen auf dem Bett lag, mit zehn Albanern in einem Zimmer, habe ich mehr über andere Dinge nachgedacht, als über die bulgarische Botschaft."

Vom Flüchtling zum gefeierten Literaten - in so kurzer Zeit wie Dimitré Dinev hat das vermutlich noch keiner hingekriegt.


Dimitré Dinev

Engelszungen
Deuticke 2003
ISBN 3216307050

www.buchundco.eu


 

 

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